E.ON Kraftwerk Datteln Block 4 – Ammoniakmenge soll gewaltig gesteigert und noch näher gelagert werden !

15. Juli 2011 | Von Trinity | Kategorie: EON Datteln Block4, Nachgetragen-Update

salmiakgeist_350x199Zur Information der Lokalpolitiker bietet E.ON dieses . . .

In der städtischen Ausschussssitzung vom 13. Juli 2011 durften die Dattelner Lokalpolitiker erfahren, dass E.ON beabsichtigt, das für die (teilweise) Entstickung der Rauchgase notwendige Ammoniak (NH3) in chemisch gebundener Form als 25%-iges Ammoniakwasser (=Salmiakgeist) zu lagern. Und zwar in 2 Tanks mit je 750m3 Inhalt. Die Tanks sollen noch näher an der Wohnbebauung liegen als das früher geplante Druckgaslager, nämlich direkt gegenüber dem E.ON-Info-Würfel am DEK, im Bereich zwischen Frequenzumrichteranlage und Hafenentladung.

Ammoniak löst sich sehr gut in Wasser, deutlich besser als andere Gase wie Sauerstoff oder Kohlenstoffdioxid. Ein Liter Wasser nimmt bei 20 °C 520 g von gasförmigen Ammoniak auf. - Die Kehrseite ist, dass Ammoniak sich auch sehr schnell und einfach wieder verflüchtigt, d.h. in den gefährlichen gasförmigen Zustand wechselt.

Die Dichte einer 26%-igen Lösung beträgt 0,906 kg/Liter, d.h. ein Tankvolumen von 2×750m3=1.500m3 beinhaltet eine Masse von 1.360 Tonnen. 26-Gewichts-Prozente davon sind als Ammoniak gelöst, das sind 353 Tonnen NH3.

Die von E.ON zum ´Verkauf stehende Lösung´

E.ON „verkauft diese Lösung” als „störfallfreie Technik”, für die die Seveso-Richtlinie angeblich nicht gelten soll. Auch seien kleinere Anlagen mit dieser Technik in Betrieb.

Dazu klären wir auf

Hier werden wohl - von E.ON-Seiten - die Verfahrenstechniken vermischt, Irrtümer dabei in Kauf nehmend.

Richtig ist:

Es gibt keine funktionierende Technik, Ammoniakwasser direkt als Reduktionsmittel beim jetzigen Kessel von Datten_4 einzusetzen, in einem nichtkatalytischen Entstickungsverfahren.

Alle anders lautenden Meldungen sind nicht belastbar und daher nicht glaubhaft.

Für die nichtkatalytische Entstickung mit Ammoniakwasser bräuchte man eine ganz andere - viel aufwendigere - Kesselkonstruktion, quasi etwas ganz Neues, was es in dieser Größe noch nirgends gab/gibt. Das käme praktisch einer Kesselneukonstruktion/einem Kesselneubau gleich. - Auch der bestehende Katalysator müsste ersatzlos weichen. In seiner High-Dust-Anordnung würde er sofort verkleben und den Rauchgasdurchsatz blockieren.

Schon die Hinweise auf bestehende kleinere Anlagen mit Ammoniakwasser-Einsatz führen in die Irre, weil sie auf mittlere Müllverbrennungsanlagen abstellen, welche tatsächlich direkt mit Ammoniakwasser als Reduktionsmittel in nichtkatalytischen Verfahren eingesetzt werden. Nichtkatalytisch heißt aber, dass das Ammoniakwasser bei Temperaturen um ca. 1000 Grad C direkt hinter Feuerung eingespritzt wird, und zwar mit einem hohen apparatetechnischen Aufwand in Form von Homogenisierungstechniken bzgl. Rauchgas- und NOx-Verteilung. Das braucht ´Strecke´ und Konstruktion! Und genau dieser Aufwand ist bei Datteln4 nicht vorgesehen und kann auch nicht einfach nachgerüstet werden.

E.ON sagt nicht, dass dieses bei Datteln 4 nicht möglich oder vorgesehen ist. Man vermittelt aber den Eindruck. Und darauf kommt es an.

Viel wahrscheinlicher ist, dass E.ON überhaupt nicht an den nichtkatalytischen Einsatz von Ammoniakwasser denkt, sondern nur an eine Lagerung von Ammoniak in dieser chemisch gelösten wässrigen Form. Tatsächlich soll dann vor Ort (also im Bereich des Tanklagers - nach den jetzigen Auskünften wohl im Bereich des südlichen Kanalufers, also in nur ca. 350 m Entfernung zur nächsten Wohnbebauung) durch ein thermisches Trennverfahren (Austreiben) das gelöste Ammoniak ausgedampft/ausgetrieben (in einer Art Kochtopf, allerdings schon bei relativ normalen Umgebungstemperaturen von ca. 20-40 Grad C). Danach steht das Ammoniak wieder gasförmig für den bereits gebauten Katalysator zur Verfügung, praktisch genauso wie hinter einem Verdampfer für druckverflüssigtes NH3. - Für dieses Szenario spricht auch, dass von einer Katalysator-Demontage an keiner Stelle die Rede ist. Beide Entstickungstechniken in einer Anlage gehen nicht: einmal die nichtkatalytische Reduktion im Feuerraum (bei ca. 1000 Grad C), ein anderes Mal die katalytische Reduktion hinter Eco (bei ca. 390 Grad C).

Der Trick . . .

. . . besteht also darin, der Öffentlichkeit weiß zu machen, man würde auf eine sicherere Lagerungstechnik umsteigen. Das ist nur oberflächlich betrachtet so. Richtig ist, dass auch 25-prozentiges-Ammoniakwasser einen Gefahrstoff erster Güte darstellt. Im Falle eines größeren Unfalls an der Tankanlage würde das gelöste Ammoniak zwar nicht ganz, aber doch zum allergrößten Teil verdampfen und die Umwelt vergiften (denn Ammoniak verdampft schon bei relativ geringen Temperaturen aus einer wässrigen Lösung).

Damit unterscheidet sich die Ammoniak-Wasser-Lösung kaum von der “puren” Ammoniak-Technik (druckverflüssigtes reines Ammoniak). Im Gegenteil:

Bei der geplanten 4-fachen Lagermenge an Ammoniak (gelöst in Wasser) und der deutlich geringeren Distanz zur Wohnbebauung wird das Störfallrisiko - gegenüber der “reinen Ammoniak-Lagerung” nicht gemindert,  sondern sogar deutlich erhöht !

Der verantwortungsbewußte Umgang mit dem so sensiblen und sicherheitsrelevanten Thema ´Ammoniak´ sieht jedenfalls ganz anders aus.

Störfall-relevante Situation

Zu betrachten ist für einen Störfall nicht die momentan für die Entstickung verdampfte Menge an NH3, sondern der Fall eines unkontrollierten Austritts aus der Tankanlage. Wie der zustande käme, spielt dabei keine Rolle. Es kommt nur darauf an, zu betrachten, was wäre, wenn dies geschähe. - Solch ein “Störfall” stellt sich ähnlich verheerend dar wie bei einem Tanklager mit druckverflüssigtem NH3. - Die Positionierung des Tanklagers in Kanalnähe spricht schon alleine “Bände”. Wahrscheinlich soll die dortige Position schon alleine die Sicherheit der neuen Technik belegen und beruhigen. Es spricht wenig dafür, dass sich E.ON damit durchsetzen wird, zu offen liegt das Gefahrenpotenzial “auf dem Tisch”, d.h. in den Vorgärten der Wohnbebauung.

Wieso die ´neue Ammoniak-Wasser-Technik´ die Störfallbetrachtung überflüssig machen soll, das wird uns an keiner Stelle erklärt.

Dazu erreichte uns die Information, dass es ggf. sein könne, dass bei Einsatz einer nur 24,99%-igen Ammoniakwasser-Lösung die Störfallrichtlinien nicht gelten würden. Wir können diesen Hinweis allerdings im Moment nicht bestätigen.

Zur Lagermenge

Ein Tankvolumen von 2 x 750 m3 25-%-iges Ammoniakwassergemisch ergibt in etwa eine Ammoniakmenge von 353 t (s.o.). Das ist deutlich mehr als im bisherigen Ammoniaklager geplant war (150 t). War schon die bisher vorgesehene Menge von 150 t geeignet, einen 2. gleich großen Block (also Da5) mitzuversorgen, so kann die ´neu geplante Ammoniakwasser-Kapazität´ sogar 4 Blöcke der Größe von Da4 versorgen. - Wenn überhaupt, dann würde eine Lagermenge von max. 380 m3 für Da4 ausreichend sein, nicht aber 1.500 m3 !

Mal ein einfacher Gedanke

Wenn es möglich wäre, die Entstickungstechnik in einem bestehenden Kohlekessel (der von Datteln4 steht bereits, auch wenn er noch nie in Betrieb war - und auch nie in Betrieb gehen wird) auf ein nichtkatalytisches Verfahren umzustellen wäre, dann stellte sich doch sofort die Frage, warum denn dies nicht weltweit massenhaft geschieht ? Wir hatten darüber schon berichtet und diese Technik in den Bereich eines Nobelpreisverdachtes gerückt.

Update (21.02.2013)

Es gibt eine weitere Erhöhung der Lagermenge.

Die Beigeordnete der Stadt Datteln informiert im Oktober 2012 in einer Sitzungsvorlage (siehe Seite 6 / Punkt 7) darüber, dass die Lagerkapazität auf 2.000 Tonnen erhöht wird, weil die kleinste anlieferbare Mengeneinheit 1.500 Tonnen betrage.

Anmerkung: Es ist wahrlich skandalös, wie die Kraftwerksfreunde mit einem hochgiftigen Gefahrgut umgehen. Sie glauben, weil die Konzentration 1-tausendstel Prozent unter der Sevoso-Gefahrenstoff-Konzentration liegt, könne man beliebig viel von dem Zeug lagern - und das in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung. Warum eigentlich will E.ON das Ammoniakwasser nah am Kanal lagern, wo doch das Grundstück 65 ha umfaßt?


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