E.ON Datteln 4 - Endlich werden Fragen gestellt, aber nur von den Dattelner Grünen
18. Dezember 2011 | Von uwit | Kategorie: AktuellesSo langsam kommen - endlich - die Fragen
Nach dem vernichtenden OVG-Urteil vom 3. September 2009 begaben sich die Kraftwerksbefürworter zunächst in die Schockstarre. Nun aber nimmt der “Anlauf zur Heilung der damals gemachten Fehler” Fahrt auf. Dabei werden die Methoden und Argumente, die der ´Heilung´ dienlich sein sollen, langsam etwas erkennbarer.

Jede Menge Fragen zu einer Menge Themen - aber wo bleiben diese bei der SPD, der CDU, der FDP, der Stadtpartei ?
Dazu gehören z.B. die Änderung/Anpassung des städtbaulichen Zielkonzeptes der Stadt Datteln oder die Basis-Expertisen zu den Kraftwerkshauptkomponenten. Zu diesen Komplexen liegen seit einiger Zeit die ersten Informationen bzw. Ergebnisse vor, die als Vorschläge den städtischem Ausschussmitgliedern in Präsentationen vorgestellt wurden.
´Kümmerer´ gesucht
Es fällt auf, dass von den ´Kraftwerk-befürwortenden Parteien´ (CDU, SPD, FDP, Stadtpartei) praktisch keine weiteren Fragestellungen eingebracht wurden, obwohl die brisanten Themen und ihre ´angeblichen Lösungen´ nach jede Menge Aufklärung geradezu schreien. Dabei hatte doch das OVG bzgl. ´des eigenen Kümmerns um die Angelegenheiten´ den Dattelner Stadträten jede Menge ´Versäumnisse ins Urteil geschrieben´.
Die Wählergemeinschaft Die Grünen/Datteln stellt nun die ersten Fragen - gerichtet an die Stadtverwaltung und den Bürgermeister. Weiterhin macht die Wählergemeinschaft erste Vorschläge zu Textänderungen in Verwaltungsvorlagen.
Hier die Anfrage der Dattelner Grünen:
Wählergemeinschaft Die Grünen 45711 Datteln, den 16.12.2011
Wiesenstraße 31
An den Bürgermeister der Stadt Datteln
Herrn Wolfgang Werner
Rathaus
Genthiner Str. 9 den Ratsfraktionen und der Presse zur Kenntnis
45711 Datteln
Sehr geehrter Herr Werner,
Am 14. Dezember hat sich der Ausschuss für Stadtentwicklung, Umwelt, Bauen und Verkehr mit dem städtebaulichen Zielsystem der Stadt Datteln und der Alternativenprüfung für Komponenten des E.ON Kraftwerkes befasst.
Zu diesen Sachverhalten möchte die Fraktion der Wählergemeinschaft Die Grünen einige allgemeine Anmerkungen machen, Fragen zur Sachaufklärung an Sie und die Verwaltung richten und schließlich einige aus unserer Sicht wünschbare Textformulierungen für das Zielkonzept vorschlagen. Es wird beantragt, dass die Änderungswünsche bei der Beschlussfassung zum Zielkonzept zur Abstimmung gestellt werden.
Mit freundlichen Grüßen
Anmerkungen zum städtebaulichen Zielsystem
Beim städtebaulichen Zielsystem ist klar erkennbar, dass es in erster Linie die Funktion hat, die von der Ratsmehrheit angestrebte Realisierung des gestrandeten Kraftwerksneubaus zu rechtfertigen und planerisch abzusichern. Es wird die löbliche Absicht verkündet, die Umweltbelastungen zu mindern und konfliktträchtige Gemengelagen teilweise abzubauen.
Doch eines darf nicht übersehen und unausgesprochen bleiben: Indem man das Altkraftwerk aufgibt, entschärft man auf der westlichen Kanalseite die Gemengelage und hilft den Anwohnern auf den ersten Blick. Indem man aber gleichzeitig in geringem Abstand auf der östlichen Kanalseite ein dreimal so großes Kraftwerk mit wesentlich höheren Baukomponenten ermöglicht und dabei sinnvolle Schutzabstände eklatant unterschreitet, kommt man städtebaulich wieder nicht entscheidend voran.
Datteln wird weiterhin unter einer industriellen Großanlage in fast zentraler Lage, unmittelbar angrenzend an Wohnbereiche, leiden. Das anspruchsvolle Gesamtleitbild des neuen Handlungskonzeptes, dass nämlich Datteln sich „sowohl als Gewerbe- und Industriestandort als auch als attraktiver Wohnstandort” (Seite 3) versteht, wird mit der bisherigen Weichenstellung verfehlt. Viele Bewohner der Stadt und viele Besucher aus der Umgebung bekunden, dass für sie die Attraktivität Dattelns durch das bestens sichtbare und bedrängende Kraftwerksanlage gelitten hat. Die Identifikation mit der Stadt schwindet. Was das Kraftwerk mit Datteln wirklich macht, wird man erst richtig erfahren, wenn die Anlage beginnen sollte, neben dem Strom und der Wärme auch Lärm, Schadstoffe, Zusatzverkehr und große Dampfschwaden beizusteuern.
Zu heilen ist die seit 2005 verfahrene Situation nicht mehr durch ein „Weiter so!”, sondern durch eine sicher nicht leichte Abkehr von alten Positionen. Datteln 4 wäre nicht das erste und einzige Kraftwerk, das die einst darin gesetzten Erwartungen nicht erfüllen konnte. Der E.ON Konzern ist aktuell dabei, eine Reihe von falschen Investitionsentscheidungen zu korrigieren und Milliardenbeträge im Ausland abzuschreiben und sich neu auszurichten. Der Aktienkurs zwingt zum Handeln.
Die jetzt von allen angestrebte Energiewende und die notwendige Klimavorsorge lassen Kohlekraftwerke in Europa zum Auslaufmodell werden. Warum muss dann E.ON für Datteln 4 eigentlich erneut vom Dattelner Stadtrat durch einen abenteuerlichen Bebauungsplan Tür und Tor geöffnet bekommen? Ist wirklich alles so klar, wenn an die vierzig Gutachten erstellt werden müssen, um die Hoffnung zu nähren, man könne auch vor Gericht bestehen?
Es wird allgemein erwartet, dass mit Kohlestrom kein gutes Geld mehr zu verdienen ist. Denn die Rahmenbedingungen haben sich in kurzer Zeit erheblich verändert.
Wenn E.ON in Datteln unverhältnismäßig viel Geld in die Erstellung des Kraftwerkes geben muss, wenn die Volllastbetriebsstunden bei Kohlekraftwerken wegen des Anwachsens der Erneuerbaren Energien zurückgehen, wenn der Preis für Importkohle und für CO2 Zertifikate steigt, wird E.ON am Standort Datteln kaum in der Gewinnzone sein können. Dann werden auch der Stadt als Standortgemeinde nicht die erhofften Gewerbesteuern zufließen.
Als Beleg für diese Annahme wird auf die Berechnungen verwiesen, die der BUND in Hessen für den E.ON Standort Staudinger angestellt hat. (Anlage)
Wie das Trianel Urteil des OVG Münster kürzlich gezeigt hat, wird es bei Genehmigungen in vorbelasteten Gebieten zukünftig auf die Summationswirkung verschiedener Großprojekte in der Region ankommen. Auch wenn wir Grünen eine industrielle Nutzung der Rieselfelder ablehnen, fragen wir dennoch die newPark Befürworter im Dattelner Stadtrat, ob sie Ansiedlungserfolge im newPark Gelände im Dattelner Norden gefährden wollen, indem sie E.ON die Ansiedlung im Dattelner Süden in einem einmaligen Kraftakt erlauben und sich damit einen erheblichen und maßgeblichen Großemittenten in die Region holen, der andere Industrieansiedlungen nahe der FFH geschützten Lippeauen verhindern könnte.
Als das E.ON Projekt vor Jahren begann, waren viele hier der Meinung, der hier aus Kohle erzeugte Strom würde dringend gebraucht, Deutschland könne seinen Strombedarf nur so decken, mehr als zwanzig neue Kohlekraftwerke seien unbedingt erforderlich, Datteln müsse das Kraftwerk akzeptieren. Das Klimaschutzgesetz des Landes, der Atomausstieg und viele neue Energiekonzepte haben ans Licht gebracht, dass die Zusammenhänge wohl vielschichtiger sind und dass auch Großkraftwerke Teil eines überholten Geschäftsmodells der Energiekonzerne sind.
Hier zeigt sich die Bedeutung der eingangs aufgestellten Methode: Das E.ON Kraftwerk Datteln 4 wird im Dattelner Zielkonzept mit einer Bedeutung und Modernität befrachtet, die es in Wirklichkeit bei weitem nicht hat.
Das städtebauliche Zielkonzept benennt nicht die eigentlichen Konfliktlinien für das Überleben einer Stadt bzw. einer Region in der „postindustriellen Gesellschaft” zwischen Industrieansiedlungen und der Steigerung der Lebensqualität für die hier lebenden bzw. anzuwerbenden Bewohner. Sie tut verharmlosend so, als sei fast alles gut zu lösen.
Wir würden es zusammen mit einer zunehmend größer werdenden Gruppe der Dattelner Bevölkerung begrüßen, wenn die Ziele für Dattelns Entwicklung im alles beherrschenden Punkt Großkraftwerk eine Korrektur erfahren würden, und zwar vor Ort auf der politischen Ebene.
Fragen zu den Alternativenprüfungen
Zum Problembereich Rückkühltechnik
1. Die Menge der an die Umwelt abgegebenen Schadstoffe ist, wie in der Sitzung richtig angemerkt wurde, abhängig vom Feuerungsprozess und den eingesetzten Brennstoffmengen, nicht von der Wahl der Kühlturmtechnik. Die gewählte Rückkühltechnik hat aber Einfluss darauf, wie sich die Schadstoffe in der Atmosphäre verteilen, wo sie am stärksten zu Boden sinken, in welchem Ausmaß sich Dampffahnen bilden und Dattelner Wohngebiete verschatten. Um darüber Erkenntnisse zu haben, müssen umfangreiche Ausbreitungsrechnungen mit Grundannahmen zu Massenströmen, zu vorherrschenden Windrichtungen und zu Depositionsgeschwindigkeiten vorgenommen worden sein.
Dazu fragen wir:
Welches Büro und welcher Gutachter haben diese Berechnungen vorgenommen?
Hat der Gutachter die im alten Vorbescheid (2007) genehmigten Emissionsgrenzwerte bei seinen Berechnungen zugrunde gelegt oder hat er Emissionswerte an die durchschnittlich zu erwartende Betriebsstundenzahl des Kraftwerkes angepasst und nach unten korrigiert, wie das im Fall Trianel geschehen sein soll?
2. Wir vermuten, dass die Ausbreitungsrechnungen für die Luftschadstoffe und Schwermetalle im wesentlichen für den favorisierten Fall angestellt worden sind, dass die schadstoffhaltigen Rauchgase im Kühlturm oberhalb der Rieselebene freigesetzt und zusammen mit den Wasserdampfschwaden abgeleitet werden. Bei den Alternativen 3 bis fünf würde der traditionelle Weg beibehalten. Es würden die Rauchgase in einem separaten 135 Meter hohen Schornstein abgeleitet, der Kühlturm diente ausschließlich der Rückkühlung, die austretenden Schwaden wären frei von der Schadstofffracht.
Dazu fragen wir:
Sind die Ausbreitungsbedingungen für einen solchen traditionellen Schornstein einzeln berechnet worden?
Wo sind dann die Aufschlagsmaxima und wie unterscheidet sich die Schadstoffverteilung von der Situation, die bei der Ableitung der Rauchgase durch den Kühlturm entsteht?
Mit welchen Kosten belastet der Bau eines Schornsteins die wirtschaftlichen Bedingungen?
3. Kraftwerkskritiker haben herausgefunden, dass Schadstoffpartikel sich beim Durchgang durch den Kühlturm zusammen mit dem Wasserdampf an Wassertröpfchen binden und schadstoffhaltige Aerosole bilden, die dann aufgrund ihres größeren Gewichtes leichter zu Boden sinken bzw. eingeatmet werden.
Dazu fragen wir:
Liegt dem Alternativenvergleich bei der Rückkühltechnik ein eigenes Gutachten zugrunde, das Aussagen zu den unterschiedlichen gesundheitlichen Risiken macht, die sich bei den beiden Möglichkeiten der Rauchgasableitung ergeben?
Sind den Planern Gutachten bekannt, die sich mit dieser speziellen Fragestellung befassen?
Ist eventuell geplant, ein solches Gutachten zur den unterschiedlichen Risiken zeitnah in Auftrag zu geben?
4. Beim Vergleich der beiden Varianten Naturzug Nasskühlturm (vorhanden) und Hybridkühlturm könnte die Frage des Zusatzlärms beim Hybridkühlturm eine relevante Größe werden. Um die Auswirkung auf die ansässige Bevölkerung abschätzen zu können, müsste man wissen, welche Standorte die Gutachter bei der “ergebnisoffenen Planung auf der grünen Wiese” den Kühltürmen jeweils zugedacht haben.
Dazu fragen wir:
Haben die Gutachter die von einem Kühlturm ausgehenden Schallemissionen mit der Grundannahme berechnet, dass sie sich jeweils an der Stelle befinden, wo jetzt bereits ein Kühlturm in der Nähe des Kesselhauses steht?
Ist auch berechnet worden, welche Schallimmissionen auf die Wohnbevölkerung treffen, wenn z. B. der Hybridkühlturm wesentlich weiter in südwestliche Richtung verschoben platziert würde? Wie groß wäre in diesem Fall der Unterschied an Lärmbelastung gegenüber dem bereits gebauten Kühlturm?
Falls solche Berechnung nicht vorliegen sollten: Werden sie jetzt als Grundlage für die Entscheidungsfindung und Abwägung in Auftrag gegeben?
Zum Problembereich Kohlelagerung
5. Bei der Genehmigung von Industrieanlagen spielt in der Regel der Stand der Technik eine ausschlaggebende Rolle. Während in früheren Jahrzehnten Kohlevorräte unbedacht auf offene Halden gelagert wurde, lässt sich beobachten, dass seit einiger Zeit häufig geschlossene Kohlelager gebaut werden. So gibt es beim Evonik Kraftwerk in Walsum, beim Trianel Kraftwerk in Lünen, beim E.ON Kraftwerk in Großkrotzenburg, beim Vattenvall Kraftwerk Moorburg in Hamburg kreisrunde, geschlossene Kohlelager. Sicher ließen sich noch weitere Beispiele national und international finden.
Dazu fragen wir:
Ist nicht die geschlossene Kohlelagerung inzwischen „Stand der Technik” ?
Kann von den Planern bestätigt werden, dass zumindest in Lünen und in Großkrotzenburg die Kohlelager sich an Orten befinden, die weiter von Wohnsiedlungen entfernt sind als die geplanten offenen Kohlelager in Datteln?
6. Mit Luftreinhalteplänen versucht man in NRW, der Bevölkerung den gesetzlich garantierten Schutz vor gesundheitsschädlichem Feinstaub PM10 zu verschaffen. Vom neuen Jahr an wird eine großräumige Umweltzone in unserer unmittelbaren Nachbarschaft eingerichtet. Schon 30 mal wurde in diesem Jahr in unserer Stadt der zulässige Grenzwert an der Messstation in Hagem überschritten. Die EU Regelungen auf diesem Gebiet werden sich in Zukunft noch verschärfen. Starkwinde werden im Zuge des begonnenen Klimawandels zunehmen. Abwehungen von den offenen Kohlebergen werden ihren Beitrag zur schwer zu bekämpfenden Hintergrundbelastung leisten.
Dazu fragen wir:
Warum ist angesichts dieser Lage überhaupt ein Alternativenvergleich vorgenommen worden, bei dem ein offenes Kohlelager in Betracht gezogen wurde?
Warum hat man nicht ernst genommen, dass sich der Rat schon bei der Aufstellung des ersten Bebauungsplanes für eine Einhausung eingesetzt hat?
Zur Frage, wie nach der Präsentation der möglichen Alternativen zu den fünf bedeutsamen Kraftwerkskomponenten ein Vorhaben- und Entwicklungsplan gefertigt werden soll
7. Bei der Vorstellung der Alternativenprüfung ist, gemessen an der Fülle der Sachfragen, wenig nachgefragt und diskutiert worden. Es wurde nicht erkennbar, wie die einzelnen Fraktionen zu den Empfehlungen und Schlussfolgerungen stehen. Es ist ja nicht zwingend, dass gewählte Ratsmitglieder in allem den Empfehlungen der Experten (von E.ON beauftragt und bezahlt) folgen. Möglicherweise haben Fraktionen schon jetzt klar, wo sie in ihrer politisch verantworteten Abwägung Dinge abweichend von der Gutachtermeinung im Entwurf festgehalten haben möchten. Sie könnten ein Interesse haben, dass ihre Vorstellung sich bereits im ersten Entwurf niederschlägt und damit größere Chancen auf Realisierung erhält.
Dazu fragen wir:
- Wer gibt der Verwaltung, die einen Entwurf für den Vorhaben- und Entwicklungsplan zu erstellen hat, die Leitlinie vor?
- Erstellt die Verwaltung zusammen mit den hinzugezogenen Beratern den ersten Entwurf allein?
- Findet dazu noch eine Beschlussfassung in einem politischen Gremium statt?
- In welcher Form werden bei der vorgezogenen Bürgerbeteiligung noch Alternativen präsentiert?
Anlage zu TOP 13 der Sitzung des Rates am 21.12.2011
In der Sitzung des Fachausschusses wurde angekündigt, dass zum städtebaulichen Zielsystem der Stadt von unserer Fraktion noch Änderungsanträge zu zwei Textstellen beantragt werden.
1. Änderungswunsch: .Seite 5 oberster Absatz
Der Satz “Gleichzeitig ist die Stadt bestrebt, ….am Standort Datteln zu halten” wird ersatzlos gestrichen, weil das Ziel nicht realisierbar erscheint.
2. Änderungswunsch: Seite 8 , vorletzter Absatz
Der Absatz endet „….Landschaftsbild gegenüber zu stellen.”
Es soll ergänzt werden „gegenüber zu stellen und die am wenigsten belastende Alternative zu wählen.”
Nur dann kann ein wirklicher Schutz erreicht werden.
Anlage (4 Seiten)
Zu den Kosten der Stromgewinnung im baugleichen E.ON Kraftwerk Staudinger in Großkrotzenburg BUND Hessen Juli 2011
BUND Landesverband Hessen
Pressemeldung
BUND zeigt Unwirtschaftlichkeit von Staudinger Block 6 auf.
BUND fordert Einstellung des Genehmigungsverfahrens
Steigende Investitionskosten, maroder Stahl, schlechte Auslastung - dies sind die drei wesentliche Gründe, warum der geplante Block 6 des Kohlekraftwerks Staudinger völlig unwirtschaftlich wird, stellt der Energieexperte des BUND Hessen, Dr. Werner Neumann fest.
Erstens: Der Block 6 wird um 60% teurer werden. Statt bisher 1,2 Milliarden € sollen die Kosten sich nun auf 1,9 Mrd. € belaufen [1]. Damit erhöhen sich die Stromerzeugungskosten von bisher 5,5 ct/kWh (ohne CO2-Zertifikate) um 1,5 ct/kWh auf 7 ct/kWh.
Zweitens: Block 6 Staudinger soll mit dem Hochtemperaturstahl „T 24″ ausgestattet werden, wie der baugleiche Kraftwerkblock in Datteln. Nun steht die Fertigstellung mehrerer Kohlekraftwerke in Deutschland in Frage, weil der Stahl im wahrsten Sinne nicht hält, was er verspricht [2]. Er wird spröde, Kessel werden leck. Die Probleme waren der Kraftwerkswirtschaft aber schon seit längerer Zeit bekannt, wie Berichte auf Fachkonferenzen zeigen. [3]
Hierdurch sind erhöhte Investitionskosten und Wartungskosten zu erwarten. Der Strom dürfte dann mindestens um 0,5 ct/kWh steigen auf 7,5 ct/kWh.
Drittens: Mit dem - auch in Hessen - zu erwartenden Ausbau der Windenergie wird Block 6 maximal nur 5000 h im Jahr statt 7000 h laufen können. Die erhöhten Fixkosten verteilen sich auf eine geringere jährliche Stromerzeugung. Von 7,5 ct/kWh (7000h) erhöhen sich die Erzeugungskosten auf ca. 10 ct/kWh.
Viertens: Es sind ab 2013 noch die sicherlich steigenden Preise für CO2-Zertifikate zu zahlen. Es kommen daher noch 2 - 4 ct/kWh Strom dazu (bei Preisen von heute ca. 25 €/to , mittelfristig 50 €/to CO2). Die Gesamtkosten von Strom aus Block 6 Staudinger würden dann bei 12 - 14 ct/kWh liegen. Dies wäre etwa das DOPPELTE als was derzeit der Strom an der Strombörse mit 6-7 ct/kWh bezahlt werden muss.
Und auch die vom BUND aufgezeigten Alternativen - Stromeinsparung, Windstrom, Blockheizkraftwerke, Gas-Kraftwerk - könnten den Strom mit nur 6-8 ct/kWh deutlich preiswerter erzeugen. Block 6 ist schon vor seinem Bau gescheitert, ökologisch ohnehin, und nun auch wirtschaftlich.
Allein Strom aus Windenergie, der für 7-8 ct/kWh erzeugt werden kann [4] und für 1-2 ct/kWh gespeichert werden kann [5], ist damit deutlich preiswerter als Kohlestrom aus Block 6 und weitaus umweltfreundlicher!
BUND fordert STOPP des Genehmigungsverfahrens
Derzeit hat aber der RP Darmstadt schon die 2. Teilgenehmigung für das Kraftwerk erteilt. Die Genehmigungen beruhen auf den Angaben von EON im Raumordnungsverfahren und Immissionsschutzverfahren. Der BUND geht davon aus, dass sämtliche technische Angaben in den Genehmigungs-verfahren nun auf den Prüfstand müssen. Entweder soll T 24-Stahl verwendet werden, der den Anforderungen nicht gerecht wird - oder es muss anderer Stahl verwendet werden. So oder so - „Nichts stimmt mehr”, stellt Dr. Neumann fest - geringere Wirkungsgrade, geringere Temperaturen, höhere Abgaswerte usw. sind das AUS für Block 6 - weil die Antragsunterlagen wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.
Nun zeigt sich, dass diese Angaben nicht mehr richtig, nicht mehr haltbar sind. Damit sind wohl sämtliche Genehmigungsverfahren auf falschen Grundlagen durchgeführt worden.
Dies betrifft auch die inzwischen immens gestiegenen Investitionskosten. Der BUND fragt daher, ob diese Kosten von EON vor 2 Jahren „künstlich” tief angesetzt wurden, um andere Alternativen aus dem Rennen zu werfen? „Bei 1,9 Mrd. € Kosten wäre Block 6 gleich aussortiert worden” stellt Neumann fest, der das Verfahren für den BUND betreut hatte.
Frage ist auch, ob und seit wann EON von den Problemen mit dem T 24-Stahl wusste, wo dies in der Fachwelt von Stahl und Schweißen schon seit mehreren Jahren bekannt war ?
Und schließlich stellt sich die Frage, ob der RP die Angaben von EON eingehend genug geprüft hat und ob den Angaben von EON blind geglaubt wurde? Oder waren dem RP etwa Hinweise über marode Stähle schon länger bekannt? Der Landesvorstand des BUND Hessen fordert den Regierungspräsident Baron auf, die bisher erteilten Teilgenehmigungen zurückzuziehen, da diese auf der Grundlage falscher Angaben von EON erfolgt sind !
Die Landtagsfraktionen des Hessischen Landtags werden angeregt, einen Untersuchungsausschuss zu den Hintergründen des Genehmigungsverfahrens einzuleiten.
Die Hessische Landesregierung soll zudem ein völlig neues Energiekonzept aufstellen, da die beiden Pferde, Atomstrom aus Biblis und Kohlestrom von Staudinger sich nicht als tragfähig erwiesen haben. Der BUND fordert daher ein landesweites Stromsparprogramm und ein landesweites Investitionsprogramm in viele örtliche Heizkraftwerke [6]. Die Potentiale sind allesamt vorhanden, sie sind umwelt- und klimaschonend und deutlich preiswerter.
Vergleichsberechnung der Stromerzeugungskosten (BUND, Dr. Werner Neumann)
BUND Februar 2009 - Auszug aus der BUND- Stellungnahme-Einwendung zum Raumordnungsverfahren:
Die Wirtschaftlichkeitsberechnung für den Block 6 folgendermaßen aus:
Leistung *Volllaststunden Kosten prokWh Gesamtkosten im Jahr
Mio EuroCO2-Emissionen in1000 t 1000 MW*7000 h 5800 Kapitalkosten 1200 Mio. €* 0,15 Annuität 2,5 ct /kWh Strom 175 Kohle 2 Mio. t17 Mrd. kWh 0,08 ct/kWh Kohle(65 €/t Kohle) 135 WartungInstandhaltung 7 Mrd. kWh 0,8 ct/kWh 60 Personal 30 Summe 400 5800 Plus CO2-Zertifikate 50 € /t
290 Plus CO2- Schadens- kosten70 € /t 406 Gesamtkosten pro Jahr 1096 Während die Stromkosten ohne CO2-Kosten noch bei ca. 5,7 cent/kWh liegen, liegen die Stromkosten inklusive der künftig zu zahlenden CO2-Zertifikate schon bei 690 Mio. Euro im Jahr und damit bei ca. 10 cent/kWh.
NEUBERECHNUNG Juli 2011
Mit 1,9 Mrd. € Baukosten - mit höheren Kohlepreisen - und max 5000 h Volllast
Leistung *Volllaststunden Kosten prokWh Gesamtkosten im Jahr
Mio EuroCO2-Emissionen in1000 t 1000 MW*5000 h 4100 Kapitalkosten 1900 Mio. €* 0,15 Annuität 5,7 ct /kWh Strom 285 Kohle 1,5Mio. t12 Mrd. kWh 0,10 ct/kWh Kohle(80 €/t Kohle) 120 WartungInstandhaltung 5 Mrd. kWh 1,0 ct/kWh 50 Personal 30 Summe 485 Plus CO2-Zertifikate 50 € /t
205 Plus CO2- Schadens- kosten70 € /t 290 Gesamtkosten pro Jahr 980 Kosten pro kWh Strom (5 Mrd. kWh)
Ohne CO2-Zertifikate 9,7 ct /kWh
Mit CO2-Zertifikaten 13,7 ct/kWh
Steigerung der Erzeugungskosten hier allein der Kapitalkosten
a) höhere Investitionskosten 4 ct /kWh statt 2,5 ct/kWh
b) geringere Auslastung wegen wachsendem Windstrom im Netz,
von 4 ct auf ca. 6 ct/kWhSelbst mit Ansatz künftiger Stromspeicherkosten für Windstrom von 2-3 ct/kWh und Windstromerzeugungskosten von 7-8 ct /kWh (keine CO2-Zertifikate, da kein CO2) ist Kohlestrom damit konkurrenzlos unwirtschaftlich.
[1] Von diesem Wert, 1,9 Mrd. € geht der Hess. Ministerpräsident, Volker Bouffier aus (Landtagsprotokoll, 12.4.2011,70. Sitzung, Seite 4847, „Bei uns in Hessen wird diese Frage ganz praktisch, wenn es um die Weiterentwicklung von Staudinger geht - ein Kohlekraftwerk, bei dem es um eine Investition von 1,9 Milliarden Euro geht”, sowie auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Schäfer-Gümbel, gleiches Protokoll, Seite 4858.[2] Der SPIEGEL, 26/2011,S. 124 f, “Die Not der Kesselflicker” - Fehlerhafter Hightechstahl im Dampfkessel.
[3] 14th Int. Research Expert Conference, TMT 2010, Ort: Mediterranean Cruise (Kreuzfahrtschiff), 11.-18. Sept. 2010 - Beitrag Janusz Adamiec, Adam Hernas - vom Silean (Schlesische) Univertität für Technologie, Kattowice : Hier wird gezeigt, dass der T 24 Stahl - “Name 7 Cr Mo V Ti B 10 10″ von Hitachi beim Schweißen Probleme mit “hot cracking” aufweist. Dies sei „often the case” gewesen. Entgegen den Empfehlungen des Herstellers des Stahle müsse man beim Schweißen eine Vorheizung vornehmen und nach dem Schweißen eine thermische Nachbehandlung. Probleme ergäben sich insbesondere beim Schweißen mit höherer Geschwindigkeit und wenn die Schweißnaht nicht sichtbar und kontrollierbar ist. Die Probleme hätten dann die Schweißfirmen.
[4] Erfahrungsbericht des BMU zum EEG, Mai 2011
[5] Speicherung z.B. durch Erzeugung von Wasserstoff und Umwandlung in Methan aus Windstrom. - Dr.-Ing. Michael Sterner (Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik / IWES)
[6] Im Rahmen des ROV zum Block 6 hatten die Grünen im Regionalverband (heute Regionalverband) eine Studie zu den KWK-Potentialen in Hessen erstellen lassen. Allein durch dezentrale KWK wäre Block 6 ersetzbar.





















